
Gibt es eigentlich ein Kleidungsstück, das mehr polarisiert als Overknees? Wahrscheinlich höchstens der berühmte Socken-in-Sandalen-Look – aber der hat wenigstens Kultstatus und wird nicht sofort mit Schmuddelimage assoziiert. Overknees hingegen sind von Haus aus verdächtig: Wer sie trägt, steht sofort unter Sextreterinnen-Generalverdacht. Dabei könnten wir uns das Leben so viel einfacher machen, wenn wir einfach einmal zurücklehnen und anerkennen würden, dass Mode nun mal keine exakte Wissenschaft ist.
Stiefel bis zum Oberschenkel – Modischer Aufstieg oder tiefer Sturz?
Wagen wir eine Bestandsaufnahme: Overknees, also Stiefel, die bis weit über das Knie reichen, feiern spätestens seit „Pretty Woman“ notorisch verdächtige Auftritte. Kaum schlüpft Frau in ein Paar Overknee-Stiefel, hallt ein entrüstetes Raunen durch das modische Feuilleton: Ist das jetzt chic? Oder einfach nur nuttig? Ein klassischer Fall von „Wir wissen es nicht, reden aber trotzdem drüber.“
Im Schneidersitz der Vorurteile
Klassischerweise darf Frau sich nämlich sofort auf ein paar schlauen Sprüchen einstellen: „Geht’s noch höher, Liebes?“, „Suchst du schon einen Strich?“, oder – mein persönlicher Favorit – „Overknees? Mutig!“ Dass man ganz hervorragend Stil beweisen kann, wenn man Overknees richtig kombiniert, scheint dabei niemanden zu interessieren. Wichtiger ist die schnelle Kategorisierung: Wer Overknees trägt, der ist entweder Julia Roberts (damals) oder hat den eigenen Kleiderschrank nicht verstanden.
Auch Influencer und Designer sind sich uneinig
Modische Laufstege und Instagram-Timelines beweisen eigentlich das Gegenteil: Hier werden Overknees souverän mit Oversize-Sweatern getragen, lässig zu Midikleidern oder sogar zur Jeans. Aber wehe, das real existierende Fußvolk wagt den modischen Seitensprung ins echte Leben! Dann wird aus dem coolen Statement blitzschnell ein Fall für die Geschmacksverirrung. Ist es die Angst vor den eigenen modischen Ambitionen? Oder nur das Bedürfnis, anderen die Kleiderordnung vorzuschreiben?
Modepolizei: Bitte auf Streife bleiben
Übrigens besteht die Modepolizei ja nicht aus gutaussehenden Pariser Modejournalistinnen, sondern meistens aus ganz gewöhnlichen Nachbarn, Schwiegermüttern oder Busfahrgästen mittleren Alters. Sie alle wissen natürlich ganz genau, was chic und was schmierig ist – und übersehen dabei, dass Overknees theoretisch alles sein können: elegant, lässig, verrucht, sophisticated oder absolut alltagstauglich. Richtig kombiniert sieht der Look sogar nach Haute Couture aus, nicht nach Laufhaus.
Wo Overknees wirklich nuttig sind
Ironischerweise gibt es aber tatsächlich eine Gelegenheit, zu der Overknees immer nuttig aussehen: Wenn die Trägerin sich betont bemüht gibt, besonders „nicht nuttig“ wirken zu wollen! Eine zugeknöpfte Bluse, braver Rock, brav gestylte Haare – und dazu die Stiefel bis zur Oberschenkelmitte? Das wirkt schnell wie eine Arbeitsuniform für geläuterte Reality-TV-Sternchen. Authentizität sieht anders aus. Das Geheimnis liegt also nicht in der Frage „Chic oder nuttig?“, sondern im Gesamtpaket: Passt der Rest des Outfits, sieht man nach Stil-Ikone aus; wenn nicht, eben wie eine Parodie auf „Pretty Woman“.
Overknees im Alltag: Darf man das?
Fragen wir uns doch mal ganz nüchtern (oder so nüchtern, wie es halt nach drei Prosecco beim geselligen Umstyling-Abend möglich ist): Warum sollten Overknees nicht alltagstauglich sein? Schwarze Lederstiefel zu einer schlichten Jeans, ein lockerer Pulli und ein weiter Mantel – fertig ist das Office-Upgrade für Nebelmonat Nummer sieben. Man muss ja nicht sofort zur knallengen Latex-Variante greifen. Stoffe, Farben und Schnitt machen den Unterschied. Wer denkt, dass Overknees nur im Rotlichtviertel akzeptabel sind, hat wahrscheinlich auch noch nie Crocs bei Tageslicht getragen.
Vielleicht sollten wir aufhören, jedem Kleidungsstück eine moralische Bedeutung aufzuladen. Der Stiefel ist, was die Trägerin daraus macht – und wem das zu viel Freiheit ist, der kann ja weiterhin bei den beigen Rentner-Slippern bleiben. Wer sich hingegen mit Overknees auf das modische Glatteis wagt, beweist übrigens weit mehr Individualität und Mut als alle Schlabberpulli-Trägerinnen zusammen – und darauf kann man getrost stolz sein.
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